Sehr geehrter Herr Kultusminister Schwarz,
sehr geehrter Herr Finanzminister Prof. Dr. Lorz,
„Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung.“ Dieses Grundrecht und Versprechen darf nicht von der Herkunft oder den Startbedingungen eines Kindes abhängen. Bildung ist der Schlüssel zu Integration und gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche ist Schule oft der erste Ort von Stabilität, Orientierung und Zugehörigkeit.
Seit neun Jahren leisten wir bei ZuBaKa diese Bildungsarbeit für neu eingewanderte Schüler*innen in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet. Nun sind wir nach Jahren strukturell unzureichender Förderung dazu gezwungen, unsere Arbeit zum 31. Juli 2026 vollständig einzustellen.
Mit diesem offenen Brief möchten wir auf eine strukturelle Lücke aufmerksam machen: Der Bedarf an langfristiger, verlässlicher Unterstützung für Schulen und neu eingewanderte Schüler*innen besteht weiterhin – vielerorts dringender denn je. Die Entscheidung, unsere Arbeit einzustellen, fiel uns deshalb sehr schwer. Schulen berichten von großen Herausforderungen: äußerst heterogene Intensiv-/Vorbereitungsklassen, ein hoher Anteil von Schüler*innen mit Förderbedarf Deutsch als Zweitsprache, Belastung der Kinder und Jugendlichen durch Migration oder Flucht, knappe räumliche und zeitliche Ressourcen im Schulbetrieb. Unsere Angebote wurden stark nachgefragt und ihre Wirkung vielfach bestätigt.
Warum wir unsere Arbeit einstellen
Wir hören nicht auf, weil unsere Arbeit nicht wirkt, sondern weil sie unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr finanzierbar ist.
Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit adressiert Aufgaben, die faktisch zum Bildungsauftrag gehören. Dass diese Aufgaben in der Praxis häufig von zivilgesellschaftlichen Trägern übernommen werden, zeigt, dass hier strukturelle Lücken im Bildungssytem bestehen. Gleichzeitig fehlt für genau diese Arbeit eine verlässliche Finanzierung.
Erfahrungen aus den letzten Jahren
In den vergangenen Jahren haben wir erlebt, dass
Auch Programme wie das Startchancen-Programm können diese Lücke nicht schließen. Sie ermöglichen punktuelle Unterstützung, ersetzen in unserem Fall aber keine verlässlichen Finanzierungsstrukturen.
Qualitativ hochwertige Bildungsarbeit ist personalintensiv und teuer. Sie erfordert qualifizierte Fachkräfte und kontinuierliche Arbeit mit den Schüler*innen. Diese Realität wird in bestehenden Förderlogiken nicht ausreichend abgebildet. Gleichzeitig wird in Bildung – insbesondere in langfristige und bedarfsgerechte Bildungsarbeit – weiterhin nicht ausreichend und nachhaltig investiert.
Langfristige, gesellschaftliche Folgen
Die Auswirkungen sind konkret spürbar: Aufgrund ausbleibender (staatlicher) Förderung mussten wir bereits im Sommer 2024 drei neu gegründete Standorte nach nur anderthalb Jahren wieder schließen und konnten in den folgenden Schuljahren mit deutlich weniger Schulen zusammenarbeiten – trotz unverändert hoher Nachfrage.
Nun fällt ein wirksames Angebot vollständig weg. Was bleibt, ist eine Versorgungslücke für eine besonders vulnerable Zielgruppe. Damit verschärft sich die Bildungsbenachteiligung für neu eingewanderte Kinder und Jugendliche. Schule ist für viele von ihnen der erste Ort von Sprache, Orientierung, sozialer Teilhabe und Ankommen.
Bleiben ihre Bedarfe unadressiert, entstehen langfristige Folgekosten: geringere gesellschaftliche Teilhabe, systematisch schlechtere Bildungsabschlüsse und langfristig größere soziale Ungleichheit. Dies belastet nicht nur die Betroffenen, sondern die Gesellschaft als Ganzes.
Ein strukturelles Problem, kein Einzelfall
Wir sehen darin kein isoliertes Problem unserer Organisation, sondern ein strukturelles Defizit:
Aufgaben werden an freie Träger ausgelagert, ohne sie verlässlich zu finanzieren. Wo externe Unterstützung wegbricht, bleiben die Aufgaben letztlich an den Schulen und Lehrkräften hängen, die bereits heute unter hoher Belastung arbeiten und zusätzliche Anforderungen kaum noch auffangen können.
Was es jetzt braucht
Wir fordern das Hessische Kultusministerium und das Hessische Finanzministerium dazu auf, jetzt zu handeln:
Unser Anliegen
Unser Anliegen ist ausdrücklich nicht, unsere eigene Arbeit fortzusetzen – das ist nicht mehr möglich. Wir fordern, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen weiterhin die Unterstützung erhalten, die sie benötigen und die ihnen zusteht. Bildung ist der Grundstein unserer Gesellschaft und das Sprechen der deutschen Sprache befähigt diese jungen Menschen dazu, ein aktiver Teil unserer Gesellschaft zu sein.
Unser Fall zeigt deutlich:
Es braucht Strukturen, die nicht vom Engagement einzelner Träger abhängen, sondern dauerhaft und verlässlich verankert sind.
Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen in einen weiterführenden Dialog einzubringen.
Mit freundlichen Grüßen
Judith Michler,
Geschäftsführung ZuBaKa gGmbH